Seite drucken | zurück zur Bildschirmansicht

presse | extern

sueddeutsche.de vom 18.07.2006 zur neuen Talkshow

Der Plauderlehrling
Weltpolitik und Kaninchenzucht: Musiker Guildo Horn redet mit geistig behinderten Menschen.


von Hans Hoff

Wer Guildo Horn einmal live erlebt hat, weiß: Dieser Mann schert sich nicht um Konventionen. Immer ist damit zu rechnen, dass sich der durchaus gewichtige Typ das Hemd vom Leib reißt und ins Publikum springt. Dort hechtet er dann von Fan zu Fan und schüttelt seine schweißgetränkten Zotteln so sehr, dass kein Auge trocken bleibt.

Er schmeißt sich ran, drückt jemanden hier, streichelt jemanden dort, ekelt sich vor nichts und herzt seine Zuhörer. Auf einmal versteht jeder im Saal, dass es keine leere Floskel ist, wenn diese musikalische Urgewalt zwischen all den Schlagern seiner Band, den Orthopädischen Strümpfen, behauptet: "Guildo hat euch lieb!"

"Ich mag eben Menschen", sagt der Mann aus Trier. Er heißt eigentlich Horst Köhler und hat 1998 mal einen respektablen siebten Platz beim Schlager- Grandprix herausgetobt. Danach wurde es auf der ganz großen Bühne wieder ruhiger. Horn begab sich zurück in jenen Mikrokosmos aus gelegentlichen Theaterauftritten, Stadtfesten und Galashows, in dem er als "Meister" bejubelt wird.

Dass die recht einträgliche Tingelei ihn indes nicht ausfüllt, vertraute er vor einer Weile Frank Elstner in der SWR-Talkshow Menschen der Woche an. Elstner lauschte aufmerksam den Ambitionen des wilden Guildo. Am Ende einer gemeinsamen Sitzung stand der Plan, Elstners Sohn Thomas eine Talkshow mit geistig Behinderten produzieren zu lassen. Moderator: Guildo Horn.

Das stieß beim dafür ausersehenen Sender nicht umgehend auf Begeisterung. "Ich war erst irritiert. Ich kannte ja nur die Kunstfigur Guildo Horn", sagt der für das Projekt zuständige SWR-Redakteur Jo Frühwirth, der seinen neuen Schützling indes bald ins Herz schloss: "Er ist kein Moderator, und genau das ist seine Stärke. Er hat die Kraft, mit diesen Menschen einfach zu reden."

Alles für die Gäste

Bei Horns Gästen entdeckt Frühwirth ähnliche Qualitäten: "Wir erleben hier sehr offene, sehr ehrliche und sehr direkte Menschen. Die machen keine Show." Der Redakteur wünscht sich für die vier Testsendungen – Fortsetzung nicht ausgeschlossen – die Wiederentdeckung alter Tugenden: "Wir hoffen, dass wir die Talkshow wieder zurück zu ihren Wurzeln bringen, dass das Gespräch im Mittelpunkt steht und nicht die Show."

Dem schließt sich der Moderator an. "Wir unterhalten uns miteinander und werden wohl eine Menge Spaß haben", verspricht Horn, der als studierter Diplom-Pädagoge früh Erfahrungen in der Musiktherapie mit Behinderten sammelte: "Ich bin offen und gehe auf die Menschen zu, und die Behinderten sind da irgendwie ähnlich gestrickt."

Allzu präzise vorbereiten mag er sich nicht. "Ich habe grundsätzlich wenig Strategie", sagt der Plauderlehrling: "Ich denke immer nur bis zur Nasenspitze und kann mich auf alles Mögliche einstellen."

Behinderte als aktive Menschen zeigen

Natürlich muss er oft die Frage beantworten, ob er nicht die Behinderten bloßstelle oder sie zu seinem Nutzen vorführe. "Nein", sagt er dann ganz entschieden: "Die können schon selbst definieren, was sie wollen und was nicht."

Das Ziel: "Wir wollen, dass unsere Gäste gut rüberkommen." Vor allem aber soll alles anders sein als üblich. "Wir kennen Behinderte im Fernsehen immer nur als Hilfsempfänger. Wir wollen ihnen hier eine Plattform schaffen, sich als aktive Menschen zu zeigen", erklärt Horn.

Reden will er über Alltagsthemen – zwischen Weltpolitik und Kaninchenzucht sei alles drin. Die Behinderung der Gäste sei nicht zwingend Thema, verspricht der Neu-Talkmaster. In der Hinsicht misst sich Horn am prominenten Vorbild: "Bei Sabine Christiansen werden die Politiker auch nicht nach ihrem Harnsäuregehalt gefragt."

Guildo und seine Gäste, SWR, 23.05 Uhr