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FAZ vom 18.07.2006 zur neuen Talkshow

Erde an Klaus: Guildo befragt Behinderte


von Martin U. Müller

Horst Köhler sitzt am Tisch und schwitzt. Seine Hände klammern sich um eine Flasche Mineralwasser, dessen grüne Glasfarbe perfekt zu seinem Sakko paßt. Dazu trägt er eine farblich abgestimmte Hose, die über den Knien endet, sie ist gestreift und gibt den Blick auf behaarte Beine frei. "Maßanfertigung aus China", sagt Horst Köhler und lächelt. Offen soll er sein, aber auch notfalls nicht unbequem.

Der bürgerliche Horst Köhler ist besser unter seinem Künstlernamen Guildo Horn bekannt. Die gängige Schnelleinführung liefert dann auch der zwei Plätze weiter sitzende Thomas Elstner, Sohn von Fernsehmatador Frank: "Ich kannte Guildo nur als bekloppten Typen der ,oben ohne' über die Bühne rennt. "So weit das Klischee. Als der Künstler Guildo Horn in einer Talkshow von Frank Elstner sitzt und über sein Leben zwischen Nußecken und Schlagerliedern spricht, bewirbt er sich beim Gastgeber eben mal eigeninitiativ.

Wie im Bus seiner Mama

Das Bewerbungsgespräch endet bei den Elstners auf der Terrasse, eine Talkshow stelle er sich vor, habe Horn gesagt. Ganz ohne Prominente, Politiker oder Sportler. Wohl aber über Prominente, Politik und Sport. Und mit geistig behinderten Menschen. Ein Pluspunkt in Horns Bewerbungsportfolio: ein abgeschlossenes Studium der Sozialpädagogik. Titel der Diplomarbeit: "Die Befreiung von der Vernunft". Frank Elstner scheint überzeugt, schaltet Sohn Thomas in seiner Eigenschaft als Produzent ein, der seinerseits Kontakte zum Südwestrundfunk ebnet.

Etwa 450.000 Menschen mit geistiger Behinderung leben in Deutschland. Guildo Horn kennt einige davon "aus dem Bus meiner Mama". Seine mittlerweile siebzigjährige Mutter Lotti arbeitet für den Behindertenverband Lebenshilfe e. V. im Fahrdienst als Aushilfe – bis heute. "Ich habe sie da ein paarmal vertreten", erzählt der Sohn. Moderieren könne er nicht, wohl aber fehlten ihm die Berührungsängste im Umgang mit Behinderten. Von Angela Merkel über die Fußball-Weltmeisterschaft bis zu "Deutschland sucht den Superstar": Die Themen sind facettenreich, doch es gilt: "Ich möchte bewußt nicht mit meinen Gästen über ihre Behinderung sprechen. "Talkgast Klaus nutzt das aus, plaudert gerade über Patrick Lindner und Kinderadoptionen. Satz an Satz reiht er auf. Horn unterbricht. "Erde an Klaus!"

"Ich bin das Chaos und völlig unstrukturiert"

Er ist ein guter Gastgeber, nimmt seine Gäste ernster als Sabine Christiansen dies in ihrer Sendung mit Spitzenpolitikern je tun könnte. Die aktuellen Wochenereignisse dienen dem Einstieg. "Wenn es gut läuft, dann erzählen die Gäste wenig später aus ihrem eigenen Leben", sagt Guildo Horn. Vorbereitet sind deshalb auch die wenigsten Fragen. Horn: "Ich bin das Chaos und völlig unstrukturiert." Und während Klaus jetzt über Angela Merkel plaudert, davon erzählt, daß eine Frau natürlich Kanzlerin sein könne, nickt der Gastgeber aufmerksam, aber nicht aufgesetzt. Der Charme von "Guildo hat euch lieb" scheint im Fernsehstudio verweht und es sitzt ein etwas seltsamer Sozialpädagoge in einer Art Stuhlkreis um den Tisch und eigentlich vermißt man das dazugehörige Schuhwerk mit Fußbett.

Jürgen Reuter setzt Hoffnungen in das Format, das nirgendwo auf der Welt bisher ausprobiert worden sei. "Man muß nicht jeden Gast sympathisch finden, nur weil er behindert ist", sagt der Bundessprecher der "Lebenshilfe". "Das ist wie in anderen Sendungen auch. Der eine ist sympathisch und der nächste erzählt Mist." Und alles scheint so, als wäre "Guildo und seine Gäste" weniger die Suche nach den Unterschieden als vielmehr eine nach den Gleichheiten zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen.

Die Gäste sind hundert Prozent vernünftiger

Einen Unterschied gibt es eben doch. Die Gäste der mittlerweile mehrheitlich durch Gerichtsshows ersetzten mittäglichen Talkformate liefern meist einen Laienschauspielerauftritt ab. Guido Westerwelle, Franz Müntefering, Katja Kipping oder Uschi Glas haben in den einschlägigen Abendsendungen etwas zu verkaufen, wenn auch manchmal nur sich selbst. "Behinderte spielen keine Rolle und inszenieren sich nicht in diesem Maße. Die Gäste sind hundert Prozent vernünftiger als die bei Kerner oder Beckmann", ist sich Guildo Horn sicher.

Zunächst plant der SWR nur vier Folgen der Talksendung. Insgesamt kommen in einem Rotationsprinzip, bei dem nur einige Teilnehmer wechseln, zwölf geistig Behinderte zu Wort. Kommen die Gäste bei anderen Sendungen erst kurz vorher und verschwinden nach der Sendung durch den Hintereingang, sieht Guildo Horn seine Sendung eher als Ereignis für seine Gäste. "Wir treffen uns alle schon am Sonntag vorher und machen einige Sachen zum gegenseitigen Kennenlernen." Auch seine Gitarre sei dabei. Hinterher findet ein spezielles "Debriefing" statt, in das auch die Betreuer der Gäste einbezogen werden. "Wir haben uns die Frage gestellt, wie Behinderte das verkraften, plötzlich sich selbst als Mediengestalt zu sehen", sagt Guildo Horn. Die meisten der Gäste arbeiten in Behindertenwerkstätten und verdienen dort selten mehr als 120 Euro im Monat. "Wenn man nun fünfhundert Euro pro Sendung als Honorar gibt, sprengt das das Vorstellungsvermögen", sagt Horn.

Wohl eher nicht sendetauglich

Und schon gerät der Frontmann der Band "Die Orthopädischen Strümpfe" wieder ins Schwärmen. Er schwärmt von Menschen, die lachen können, unverkrampft und einfach liebenswert sind. Guildo Horn redet von seinen Gästen und erzählt von Carlos, "einem kleinen Macho". Carlos ist Contergan-Opfer, er hat nur zwei Armstümpfe. Horn redet mit ihm in einer Probesendung über Frauen. Der Gast antwortet: "Gibt man einer Frau den kleinen Finger, nimmt sie gleich die ganze Hand. Horn antwortet spontan: "Das sieht man ja bei dir, Carlos!" Moderator und Gast halten sich die Bäuche vor Lachen. "Wohl eher nicht sendetauglich", mutmaßt Guildo Horn.

Die Studiokulisse stammt aus dem Fundus des Senders, der Moderator findet sie "wunderschön, warm und anheimelnd". Der zuständige SWR-Redakteur will damit gar das Wohnzimmer des Künstlers nachgebaut haben. Doch Guildo Horn wohnt in einem Fachwerkhaus und bezeichnet sich selbst als "Patchwork-Spießer", was seine Wohnzimmereinrichtung betrifft.

Patchwork-Spießer auf der Suche nach Normalität

Eine Jeansjacke um die Hüften gelegt und eine Baseballkappe auf dem Kopf, wird Guildo Horn wieder zu Horst Köhler. Nach einigen selbstgedrehten Zigaretten erzählt er im Bordrestaurant eines ICE Richtung Köln, daß er die Situation von Behinderten als Prominenter gut nachvollziehen könne. "Ich kenne das Gefühl, nie in einer Masse zu sein, wenn die Blicke auf einen gerichtet sind." Eine Zugbegleiterin bittet um ein Bild für ihr Handyalbum.

Guildo Horn gibt eigentlich lieber Antworten, als daß er Fragen stellt. Gefreut habe es ihn, daß man nach der Fußball-Weltmeisterschaft unverkrampft mit einer Deutschlandfahne herumlaufen könne. "Es ist an der Zeit, daß wir endlich genauso unverkrampft mit Normalität umgehen können. Normalität ist auch, daß es Menschen mit Behinderungen gibt." Das scheint ihm ein wirkliches Anliegen zu sein.