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WAZ vom 26.09.2008

Guildo Horn: Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?
Essen. "Doppel Ich": Der Titel lässt Böses ahnen. Horst Köhler alias Guildo Horn, Diplom-Pädagoge und Retter des Schlagers, legt seine Memoiren vor.


von Helen Sibum

"Doppel Ich": Der Titel lässt Böses ahnen. Da wird uns Guildo Horn doch wohl keine autobiografische Seelenerkundung andienen wollen, nach dem Motto: Ich kann nicht nur Klamauk, ich kann auch ganz anders? Für die Gäste der Lesung, die sich am Mittwochabend ins plüschige Essener Theater Courage drängten, gab es umgehend Entwarnung: Er ist wie immer! Die Haare liegen exakt wie damals und der Anzug ist genau so atemberaubend farbig wie 1998 beim Eurovision Song Contest, als die halbe Nation Nussecken futterte und Guildo sie dafür furchtbar lieb hatte. Den Rummel hat der Schlagerbarde offenbar vermisst. Als hätte man ihn zehn Jahre lang im publikumsfreien Dornröschenschloss eingemauert, schäkert er mit den Zuhörern, räkelt sich für die Fotografen auf der Lesecouch und beißt in sein Buch, dass die Kamerablitze nur so zucken. Wuselig auch in den Worten Guildo in Höchstform. Aber wo ist nun dieser Horst Köhler, als der Guildo vor 45 Jahren in Trier zur Welt kam und von dem der Untertitel des Buches kündet? Überraschung!, wollen uns der Künstler und die Ideengeber des Buches sagen: Er war die ganze Zeit da. Das "Doppel Ich", das ja ohnehin auf einen Diät- und Lebensberater anspöttelt, ist nicht wirklich ernst zu nehmen. Horst und Guildo sind eins. Und tatsächlich fügen sich die bunten Puzzleteile zusammen, wenn man angekommen ist auf der letzten von 190 Seiten Erinnerung, die ebenso wuselig geschrieben sind wie ihr Autor agiert. Dass er seine Memoiren komplett selbst verfasst hat, glauben wir sofort. Jedenfalls erschließen sich sein Einsatz für Behinderte und die SWR-Talkshow "Guildo und seine Gäste" danach nicht als gewollte Wohltat, sondern als logische Konsequenz seiner Geschichte. Die Universität verließ Horst Köhler mit einem Diplom in Pädagogik. Schon nach dem Abitur hatte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Behindertenwerkstatt absolviert. Die liebevolle Unkorrektheit, mit der Horn diese "Begegnung der vierten Art" beschreibt, ist das große Plus dieses Buches: "Ich fühlte mich erinnert an die Barszene in Star Wars 1." Fortan machte er mit den Behinderten am liebsten Musik. So unbeschwert hatte er noch nie jemanden singen und tanzen sehen. Das passte perfekt zur Erziehung der lebensbejahenden, weil vom Leben gebeutelten Mutter, in deren Witwenhaushalt der kleine Horst unter lauter Frauen aufwuchs. "Carpe diem", das war später offenbar auch die Botschaft des überdrehten Schlager-Retters Guildo Horn und seiner schlichten Spaßmusik, zu der ihn erst die Behinderten ermutigten. Bloß blieb all das unter dem ganzen Kunstfigur-Kitsch stets gut verborgen. Immerhin: Die andere, nicht Nussecken-knabbernde Hälfte der Nation erklärte Horn für verrückt, was ihn gefreut haben wird. Ein Stück weit ver-rückt vom Durchschnitt, da will er sein. Wie ein Abend mit ihm überhaupt als Werbegala für ein Dasein jenseits der Mittelmäßigkeit, wider die "Zukunftsplaner" daherkommt. Dumm nur, dass das Phänomen Guildo Horn selbst ein Produkt PR-strategischer Planung ist. Lacht er sich darüber bis heute ins Fäustchen? Gibt es vielleicht doch noch einen anderen Guildo? Wie fragt der Philosoph Precht so schön: "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" Wahrscheinlich ist Guildo viele, wie wir alle. Guildo Horn: Doppel Ich. Die andere Seite des Horst Köhler. Gütersloher Verlagshaus, 17,95 Euro.