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Stuttgarter Zeitung vom 19.11.2007 Uraufführung in Singen: Guildo Horn überzeugt als Leporello

Don Giovannis Diener als Stimme des Volkes
Eine nachtschwarze Bühne, ein Podest, eine Leinwand. Sechs Musiker - Violine, Klarinette, Violoncello, Kontrabass, Posaune und Klavier - bilden das Orchester, sechs Mann den Chor.


von Von Wolfgang Messner

Minimalistischer geht es kaum bei "Leporellos Tagebüchern", einem Kammersingspiel, frei nach Mozarts Oper "Don Giovanni". Dann aber erklingt die Ouvertüre, und der Hintergrund entpuppt sich als Videoleinwand. Dort erscheinen Pin-up-Girls wie aus einem Männermagazin, und der Betrachter weiß somit gleich, um was es geht - Cherchez la femme! Die Geschichte des Frauenhelden Don Juan wird von ihrem schlimmen Ausgang, also von seinem Tod, her erzählt - und der, der sie zum Besten gibt, ist sein Diener Leporello. Er wird von Guildo Horn gegeben, dem Mann mit den Nussecken, dem glatzköpfigen, verschwitzten, schmerbäuchigen "Piep-Piep-Piep"-Grand-Prix-Schlagersänger von 1998. Ausgerechnet ihm hat sein Freund Fabian Dobler, der künstlerische Leiter der Produktion, das Stück auf den Leib geschrieben. Eine Welturaufführung, die in Singen am Hohentwiel stattfindet, wo sonst wenig passiert. Aber wegen Guildo ist die Medienpräsenz überwältigend - ARD, ZDF, RTL, 3 Sat, dazu Radios und Zeitungen -, alle wollen erleben, wie Horn, der Schlagerbarde, der Rock-, Pop- und Countrymusiker und TV-Talkmaster, im Opernfach untergeht. Der 44-jährige Trierer gefällt sich darin zu irritieren, Neues zu wagen und Vorurteile über seine Person zu zerstören. In der NDR-Talkshow verweigerte er sich vor einer Woche noch den Avancen, eine Kostprobe seiner neu gewonnenen Sangeskunst zum Besten zu geben, mit dem Hinweis, er lege hier auch nicht seine Männlichkeit in ganzer Schönheit auf den Tisch. In Singen aber muss er nun musikalisch die Hosen runterlassen. Doch Horn, um es gleich zu sagen, strengt sich mächtig an und darf durchaus als bühnenreif und operntauglich gelten. Nein, über Nacht wird er dabei natürlich nicht zum Heldentenor, aber das soll er auch gar nicht. Fabian Dobler setzt den Opernamateur bewusst bei den Profis ein. Was Papageno in der "Zauberflöte", ist ihm der Leporello bei "Don Giovanni". Er repräsentiert, im Guten wie im Schlechten, den einfachen Mann aus dem Volk. Er stellt dabei so etwas wie die Brücke zum Publikum dar. Die Popstimme Horns bietet einen durchaus schönen Bariton. So sehr sie sich aber dem voluminösen Wohlklang Don Giovannis (großartig: Douglas Yates) auch andienen mag, verdeutlicht sie in der Unterschiedlichkeit immer die soziale Rangordnung von Herr und Diener. Den unterwürfigen, verschlagenen und mit den frevlerischen Taten seines Herrn verbündeten Kuppler verkörpert Guildo Horn wahrhaftig, allein schon durch seine körperliche Erscheinung. Doch überzeugt er auch durch eine grandiose schauspielerische Leistung. Die Verbindung zum Publikum schafft er spielend mit eingestreuten Bemerkungen, die die Distanz zwischen Zuschauerraum und Bühne aufheben. "Ihr habt überhaupt keine Ahnung, worum"s hier geht", wirft er den Singenern an den Kopf. Ein anderes Mal fragt er provozierend: "Kommt ihr noch mit?" Da ein Opernpublikum einen Abiturdurchschnitt von 1,2 vorweisen könne, sei das sicher kein Problem. Dann erklärt er trotzdem kurz die verwickelte Handlung. Darum geht es dem künstlerischen Leiter Fabian Dobler und dem Regisseur R. Christian Kube: um die Vermittlung der Kunstform Oper. Den "Don Giovanni" verdichten sie von fast drei Stunden auf neunzig Minuten und beschränken sich dabei auf die Hauptaussage - die fatale Verstrickung von Eros und Thanatos. Mit Don Ottavio und Masetto hat er zwei entbehrliche Nebenfiguren weggelassen. Der Grundkonflikt von Lust, Moral und Tod wird so noch schärfer herausgearbeitet. Don Giovanni, der triebfixierte Mann, schreckt auch vor Verbrechen nicht zurück. Er tötet den Vater von Donna Anna, die er begehrt. Seine Verflossenen und ihre Liebhaber verbinden sich gegen ihn, doch der Frauenjäger schwört selbst im Angesicht der Todes- und Höllenangst seiner zerstörerischen Lebenslust nicht ab. Mangels höherer Moral kommt er um. Sein ebenfalls schuldig gewordener Kumpan Leporello aber überlebt, weil er es als einfacher Mann versteht, sich mit allen Gegebenheiten zu arrangieren. In der Schlüsselszene, im Schlussallegro, bedient sich Dobler des einzigen Rezitativs des gesamten Abends, obwohl das Original mit gesungenen Vortragstexten gespickt ist und so den Hörgenuss für heutige Zuhörer erschwert. Dobler modernisiert durch Reduktion die Mozartoper und ergänzt seine Interpretation mit künstlerischen Videoeinspielungen (Dietmar Scholz), ohne sie zu beschädigen. Der blinde Amerikaner Yates gibt den Don Giovanni als unnahbaren Macho und unwiderstehlichen Verführer, Monika Mannerström (Alt) vom Theater Stockholm als Donna Anna meistert selbst schwindelerregende Höhen bravourös. Die Sporanistinnen Katarzyna Mizerny (Kopenhagen) und Jennifer Davidson (Wien) sowie der ebenfalls in Kopenhagen engagierte Bass Thomas Philbert komplettieren ein für eine freie Produktion außergewöhnlich hohes musikalisches wie dramaturgisches Niveau. Fabian Dobler ist es zu wünschen, dass dieser vorerst einmaligen Aufführung in Singen bald viele weitere folgen werden. Die weltbekannte Sopranistin Inge Borkh, inzwischen 86 Jahre alt, war von der Uraufführung jedenfalls mehr als angetan. "Die Oper, wie wir sie kennen, stirbt", meinte die Diva an Dobler gewandt. "Was Sie hier machen, ist die Oper der Zukunft."