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letmeentertainyou.de vom 29.07.2006

"Guildo und seine Gäste"
Die einzige aktuelle TV-Sensation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft gut versteckt am späten Dienstagabend auf Südwest 3. Guildo Horn präsentiert die einzige ehrlich Talkshow, die es jemals gab.


von dia

Das Konzept Talkshow scheiterte eigentlich schon kurz nach den ersten Sendungen in den frühen 70er Jahren. Immer mehr verkamen die Laberrunden zum Promi-Schaulaufen. In den letzten Jahren verabschiedete sich der echte Talk und wurde nach und nach durch die unsäglichen Panel-Shows ersetzt.

Sicher – es gibt noch einige Bastionen in den dritten Programmen wie das "Riverboat" oder die "NDR-Talkshow", aber selbst dort taucht meist nur auf, wer einen neuen Film zu promoten oder ein Buch oder eine CD in der Tasche hat.

Was erwartet man nun als gequälter Zuschauer von einer Sendung, die damit wirbt das dort Guildo (hat euch lieb) Horn geistig Behinderte zum gemütlichen Fernsehplausch einlädt. Sicherlich geht man zuerst mal mit langen Zähnen an solch ein Produkt und macht sich auf Furchtbares gefasst. Man kennt ja den Horn und erwartet förmlich, das er sich auf Kosten seiner "Gäste" lustig macht und billigsten und niveaulosen Klamauk abliefert. Schließlich hat der Mann ja noch nie etwas anderes gemacht.

Guildo und einer der Gäste im gesprächAber weit gefehlt, denn Herr Horn ist ausgebildeter Sozialpädagoge und fungiert als Gesprächsleiter in eben dieser Funktion. Geschickt und mit einem Hang zur Selbstironie unterhält er sich mit seinen jeweils 4 Gästen mit unterschiedlich starken geistigen und körperlichen Behinderungen. Grundsätzlich sollte es konzeptionell eigentlich darum gehen, Aktuelles der Woche aufzuarbeiten. Aber das bleibt immer wieder (glücklicherweise) auf der Strecke, denn die jungen Leute haben Wichtigeres und Naheliegenderes zu berichten.

Und so geht es um den ersten Kuss, die große Liebe, Sex, den Tod, Adoption und auch immer wieder um Schwierigkeiten im Umgang mit sogenannten "Normalen". Guildo lässt seinen Gästen Zeit, lässt sie ausreden, selbst wenn sie sich mal verhaspeln und baut sie auf, wenn das Thema zu sehr an die Seele geht. Er lacht mit und nicht über die vier. Und der Zuschauer ist nicht betroffen, sondern fasziniert.

Bei "Guildo und seine Gäste" geht es nicht darum Mitleid zu erwecken, sondern darum uns "Normalen" eine Brücke zu Menschen zu bauen die wir nur allzu schnell als dumm oder unfähig bezeichnen. Diese Behinderten sind bei weitem die ehrlichsten und offensten Menschen, die jemals vor einer Fernsehkamera agiert haben. Hier findet man keinerlei künstliche Emotionen, keiner – und da möchten wir auch den Gastgeber selbst einbeziehen – der Teilnehmer dieser Runde will sich mit seinem Auftritt profilieren. Dort sitzen einfach fünf Leute die über das reden, was ihnen wichtig ist.

Guildo und seine GästeWer dabei vor dem Fernseher sitzt, macht eine seltsame Erfahrung, denn keiner wird dabei vollkommen unberührt bleiben. Leider dauert die Sendung nur eine halbe Stunde und man wünscht sich mehr Sendezeit oder vielleicht ein oder zwei Gäste weniger, damit das Ganze nicht ganz so gehetzt wirkt.

Trotzdem ist "Guildo und seine Gäste" für mich die beste Neuerung im TV-Dschungel. Man kann dem Team und vor allem dem SWR nur zu dem Mut gratulieren auch mal ein solch riskantes Konzept zu wagen. Unbedingt am Dienstag anschalten – Diskussionen im Forum sind erwünscht!

Fotos: SWR, EMI, Klaus Görgen