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Frankfurter Rundschau vom 25.07.2006 zur neuen Talkshow

Cooler als Guildo Horn
Der Moderator über die Tücken seiner neuen Talkshow mit geistig Behinderten


von Antje Hildebrandt

Frankfurter Rundschau: Herr Horn, was haben Sie, was Sabine Christiansen nicht hat?

Ich weiß nur, was sie hat, was ich nicht habe: Haupthaar.

Am vergangenen Dienstag hat der SWR die erste Folge Ihrer Talkshow mit geistig Behinderten gezeigt. Wenn Sie sich die Show heute ansehen, wie würden Sie den Moderator beschreiben?

Er ist groß und schön, er trägt einen blauen Anzug – und er wirkt vielleicht ein wenig hektisch und forsch.

Der Zuschauer hat eine Witzfigur erlebt: Guildo Horn. Kann man sich geistig behinderten Talkgästen nur nähern, wenn man sich auf das Niveau einer Schlagerparodie begibt: Piep, piep, piep - Guildo hat Euch lieb.

Wieso Witzfigur? Ich bin immer noch derselbe Guildo Horn, der 1998 beim Schlager- Grand Prix gestartet ist. Ich gestehe mir zu, so zu sein, wie ich bin.

Es ist ja Ihre Angelegenheit, ob Sie sich selber zum Horst machen. Aber nehmen Sie damit nicht auch den geistig Behinderten die Chance, zum ersten Mal als Protagonisten einer TV-Talkshow ernstgenommen zu werden?

Sobald es um geistig Behinderte geht, fordern Kritiker immer, man müsse leisere Töne anschlagen, es soll Ruhe in der Kathedrale herrschen. Ich finde, es war höchste Zeit, diese heilige Kuh zu schlachten. Geistig behindert zu sein ist kein Krankheitsbild. Der Umgang mit Behinderten ist von Humor geprägt.

Was macht denn den Charme Ihrer Talkshow aus?

Man weiß vorher nicht, was passiert. Meine Gäste verstecken sich nicht. Sehr schön fand ich zum Beispiel die Szene, als ich mit Julian Zidanes Bruststoß nachgespielt habe. Oder als Klaus vom Tod seiner Mutter erzählt hat. Solche Momente bergen eine unglaubliche Intensität.

Sie arbeiten seit Jahren als Musiker und Pädagoge mit geistig Behinderten zusammen. Was muss man über diese Menschen wissen, wenn man sie zur TV-Talkshow einlädt?

Der Umgang erfordert Respekt – nicht mehr und nicht weniger. Behinderte wollen keine Extrawurst gebraten bekommen. Sie wollen genauso behandelt werden wie andere auch. Auch ein Behinderter hat das Recht, mal über die Stränge zu schlagen.

Deswegen kann man ihn doch aber siezen.

Also, dieses "Sie" finde ich pädagogisch ekelhaft. Die Talkgäste und ich, wir kennen uns. Mit einigen habe ich schon vorher zusammen Musik gemacht, und die anderen reisen schon einen Tag vor der Talkshow an. Wir übernachten alle in demselben Hotel und beginnen den Tag mit einem gemeinsamen Frühstück.

In der ersten Folge haben Sie unter anderem über den Tod und über Schönheitsoperationen geredet. Waren die Themen abgesprochen?

Nur grob. Es geht ja nicht darum, Fachwissen abzufragen, sondern darum, zu zeigen: Wie nimmt der Gast seine Welt wahr? Wie sieht seine eigene Welt aus?

Stellenweise haben Sie Ihre Gäste gar nicht ausreden lassen. Erfordern nicht gerade solche Themen eine etwas sensiblere Herangehensweise?

Natürlich, geistig Behinderte artikulieren auch langsamer, es hat mir Leid getan, dass ich ihnen ins Wort gefallen bin. Aber für eine Folge haben wir nur 30 Minuten Zeit. Mir als Moderator kommt dann halt auch mal die Aufgabe zu, die vorgegebene Zeit einzuhalten.

Immerhin ... eine solche Talkshow hat es im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben. War es schwer, einen Sender zu finden?

Keine Ahnung. Frank Elstner hat das Projekt angeschoben, die Show wird von seinem Sohn produziert. Der SWR fand das Experiment spannend. Geistig Behinderte werden sonst im Fernsehen nur als Hilfsempfänger oder als leicht infantil dargestellt.

Vor der Sendung haben Kritiker die Befürchtung geäußert, man könne so eine Talkshow nicht machen, ohne die Gäste vorzuführen. Hinterher hatte man eher den Eindruck: Die Gäste haben den Moderator vorgeführt.

Stimmt, die waren viel cooler als ich. Aber damit kann ich leben. Ich bin nicht eitel. Vielleicht ist es das, was mich noch von anderen Moderatoren unterscheidet.